Seit 2003 gibt es in Deutschland das Einwegpfand und mit der Gründung der DPG ist ein bundesweit einheitliches System entstanden, das heute jährlich mehr als 20 Milliarden Einweggetränkeverpackungen zurücknimmt. Im Interview erläutert Susanne Kürschner, Geschäftsführerin der Deutschen Pfandsystem GmbH, wie das deutsche Einwegpfand zu einem zuverlässigen Gesamtsystem wurde, warum Verbraucher es so selbstverständlich nutzen und welche Rolle Technik und KI an den Automaten künftig spielen.
Der entscheidende Meilenstein war 2006 die Einführung eines bundesweit einheitlichen Pfandsystems. Das Einwegpfand gab es bereits seit 2003, allerdings zunächst mit unterschiedlichen Insellösungen. Erst mit der Gründung der DPG haben Handel und Getränkeindustrie eine gemeinsame Grundlage geschaffen, die eine flächendeckende Rückgabe von pfandpflichtigen Einweggetränkeverpackungen unabhängig vom ursprünglichen Kaufort ermöglicht.
Das war weit mehr als eine technische Neuerung. Es ist gelungen, zahlreiche Unternehmen, unterschiedliche Prozesse und bestehende Marktstrukturen zu einem funktionierenden Gesamtsystem zu verbinden. Seitdem hat sich das System kontinuierlich weiterentwickelt: Neue Verpackungsarten wurden einbezogen, Technologien modernisiert und Prozesse an veränderte Anforderungen angepasst. Heute werden jährlich mehr als 20 Milliarden Einweggetränkeverpackungen zurückgegeben, bei Rücklaufquoten von 96 Prozent und mehr.
Was mich daran besonders beeindruckt: Hinter einer für Verbraucher ganz selbstverständlichen Pfandrückgabe steht ein hochkomplexes Zusammenspiel vieler eigenständiger Unternehmen. Dass dieses Zusammenspiel seit 20 Jahren zuverlässig funktioniert, ist eine bemerkenswerte Gemeinschaftsleistung.
Die Leistungsfähigkeit beginnt damit, dass jede Verpackung eindeutig identifiziert und dem System zugeordnet werden kann. Dafür sorgen die zentrale Produktregistrierung, die DPG-Sicherheitskennzeichnung und verbindliche technische Standards. Sie schaffen die Voraussetzung dafür, dass Rücknahme und Pfandausgleich bundesweit zuverlässig funktionieren.
Das Besondere am deutschen Modell ist aber seine Organisation: Wir standardisieren, was für ein einheitliches System notwendig ist, ohne sämtliche Prozesse zentral zu organisieren. Rücknahmeautomaten, Logistik, Zählung und Recycling werden von den Marktteilnehmern und ihren Dienstleistern organisiert. Auch der Pfandausgleich erfolgt direkt zwischen den beteiligten Unternehmen auf Basis gemeinsamer Standards. So verbindet das deutsche Pfandsystem bundesweite Einheitlichkeit mit unternehmerischer Verantwortung und Wettbewerb.
Eine Recyclingquote von 98,1 Prozent ist ein beeindruckendes Ergebnis und zeigt, was entlang der gesamten Wertschöpfungskette inzwischen erreicht wird – von der Rücknahme über die Sortierung bis zur Aufbereitung und Wiederverwertung.
Das Pfandsystem leistet dazu einen wesentlichen Beitrag. Durch die hohen Rücklaufmengen und die getrennte Erfassung stehen große Mengen hochwertiger Materialien für das Recycling zur Verfügung. Gerade bei PET ist das eine wichtige Voraussetzung, um aus gebrauchten Getränkeflaschen wieder neue Getränkeverpackungen herstellen zu können.
Der Erfolg liegt deshalb nicht allein darin, möglichst viele Verpackungen zurückzubekommen, sondern darin, die Materialien auch tatsächlich für hochwertige Recyclingkreisläufe zu nutzen. Die aktuelle Recyclingquote ist auch eine Anerkennung der Leistungsfähigkeit der gesamten Recyclingwirtschaft und aller beteiligten Unternehmen.
Das Pfandprinzip ist einfach und funktioniert im Alltag. Wer eine bepfandete Getränkeverpackung kauft, weiß, dass er das Pfand bei der Rückgabe zurückbekommt. Der finanzielle Anreiz ist dabei durchaus wichtig – gerade die 25 Cent bei Einweggetränkeverpackungen sind spürbar.
Hinzu kommt die gut ausgebaute Rücknahmeinfrastruktur. Die Rückgabe lässt sich für die meisten Menschen unkompliziert mit dem Einkauf verbinden. Entscheidend ist dabei auch, dass Verbraucher ihre Verpackungen an vielen Rücknahmestellen zurückgeben können, unabhängig davon, wo sie ursprünglich gekauft wurden.
Dass die Rückgabe von Getränkeverpackungen heute für die meisten Menschen ganz selbstverständlich zum Alltag gehört, ist einer der großen Erfolge des Pfandsystems. Das zeigt, wie wirkungsvoll ein System sein kann, wenn finanzieller Anreiz und praktische Alltagstauglichkeit zusammenkommen.
Die DPG bildet das organisatorische Rückgrat des deutschen Pfandsystems, Handel und Industrie setzen es operativ um. Ein System dieser Größenordnung funktioniert nur, wenn alle Beteiligten Verantwortung übernehmen und sich aufeinander verlassen können. Handel, Getränkeindustrie, Technologieanbieter und Dienstleister bringen dabei unterschiedliche Kompetenzen und Perspektiven ein, und gerade diese Vielfalt ist eine Stärke.
Die DPG schafft den verbindlichen Rahmen für dieses Zusammenwirken und entwickelt ihn kontinuierlich weiter. Dabei gilt es, die Anforderungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette im Blick zu behalten. Besonders bei Veränderungen zeigt sich: Was technisch möglich ist, muss auch wirtschaftlich sinnvoll und praktisch umsetzbar sein. Neue Anforderungen betreffen selten nur einen Beteiligten, sondern wirken sich auf zahlreiche verbundene Prozesse aus.
Die Kunst liegt darin, unterschiedliche Anforderungen und Interessen zusammenzubringen. Dafür braucht es engen Austausch mit den Beteiligten und ein gutes Verständnis dafür, wie die Prozesse ineinandergreifen. Genau hier spielt die DPG eine wichtige Rolle: Sie führt die Perspektiven zusammen und entwickelt daraus Lösungen, die für das Gesamtsystem funktionieren.
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Technologische Weiterentwicklung ist seit der Einführung des DPG-Systems ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Schon heute müssen Rücknahmeautomaten innerhalb kürzester Zeit Verpackungen zuverlässig erkennen, ihre Zugehörigkeit zum Pfandsystem prüfen und die notwendigen Informationen für die weiteren Prozesse bereitstellen.
Moderne Bildverarbeitung und Sensorik eröffnen zusätzliche Möglichkeiten, diese Erkennungsprozesse weiter zu verbessern. Auch über die Rücknahmeautomaten hinaus bieten Digitalisierung, Automatisierung und KI interessante Möglichkeiten, große Datenmengen effizienter zu verarbeiten, Abläufe zu optimieren und die Weiterentwicklung des Systems zu unterstützen.
Unsere Aufgabe ist es, technologische Entwicklungen vorausschauend aufzugreifen, daraus Lösungen für das Pfandsystem zu entwickeln und diese in enger Abstimmung mit den Marktteilnehmern einzuführen. Entscheidend ist dabei, welchen konkreten Beitrag neue Technologien zur Effizienz und langfristigen Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems leisten.
Deutschland zeigt seit 20 Jahren, dass ein Pfandsystem auch bei sehr großen Mengen und einer Vielzahl beteiligter Unternehmen zuverlässig funktionieren kann. Einige Erfolgsfaktoren sind dabei durchaus übertragbar: eine einfache Rückgabe für Verbraucher, die eindeutige Identifikation der Verpackungen, verbindliche Standards und klar geregelte Verantwortlichkeiten. Bei der konkreten Ausgestaltung gibt es dagegen unterschiedliche Wege. Pfandhöhe, Handelsstrukturen, Logistik, bestehende Infrastruktur und Marktverhältnisse unterscheiden sich von Land zu Land. Ein erfolgreiches Pfandsystem sollte diese Gegebenheiten berücksichtigen.
Das deutsche Modell zeigt, wie sich bundesweit einheitliche Standards mit einer dezentralen Organisation verbinden lassen. Die Marktteilnehmer übernehmen viele operative Aufgaben – wie beispielsweise den Pfandausgleich – eigenverantwortlich und können dabei ihre bestehenden Strukturen und Kompetenzen einbringen. Die wichtigste Erkenntnis ist für mich deshalb, dass nicht die Organisationsform allein über den Erfolg entscheidet, sondern das Zusammenspiel aller Beteiligten und eine Systemgestaltung, die zu den jeweiligen Marktbedingungen passt.
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Nach 20 Jahren und Rücklaufquoten von 96 Prozent und mehr steht das deutsche Pfandsystem auf einem sehr hohen Leistungsniveau. Die Herausforderung besteht darin, diese Verlässlichkeit auch unter sich verändernden Rahmenbedingungen zu erhalten und gleichzeitig neue Potenziale zu erschließen.
Ein wichtiges Thema ist die Weiterentwicklung der technologischen Grundlagen. Beispielsweise bieten neue Kennzeichnungsmöglichkeiten wie 2D-Codes interessante Perspektiven. Sie müssen aber sorgfältig daraufhin geprüft werden, welchen Mehrwert sie für das Gesamtsystem bieten und wie sie sich in die bestehende Infrastruktur integrieren lassen. Auch die europäischen regulatorischen Entwicklungen werden neue Anforderungen mit sich bringen. Gleichzeitig bieten sie die Chance, unsere Erfahrungen und unser Know-how aus 20 Jahren Pfandsystem in die europäische Diskussion einzubringen und künftige Entwicklungen mitzugestalten.
Und schließlich geht es um mehr als hohe Rücklaufquoten. Entscheidend für die Kreislaufwirtschaft ist, dass die zurückgewonnenen Materialien möglichst hochwertig wieder eingesetzt werden können. Unser Anspruch ist es deshalb, nicht einfach ein erfolgreiches System zu verwalten, sondern seine Leistungsfähigkeit langfristig zu sichern und die Voraussetzungen für die nächste Entwicklungsstufe zu schaffen. Dabei wollen wir die Stärken des deutschen Modells bewahren und zugleich die Chancen neuer Entwicklungen nutzen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Susanne Kürschner ist Geschäftsführerin der DPG Deutsche Pfandsystem GmbH und verantwortet dort die strategische Entwicklung des Unternehmens sowie das Management des DPG-Pfandsystems.
Die DPG Deutsche Pfandsystem GmbH mit Sitz in Berlin organisiert das Einwegpfandsystem in Deutschland. Seit 2003 sorgt das System dafür, dass Einweggetränkeverpackungen aus PET, Glas oder Metall über ein Pfand zurückgegeben und verwertet werden. Die DPG organisiert den Pfandgeldausgleich zwischen den Systemteilnehmern und unterstützt ressourcenschonende Materialkreisläufe.
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